Leseprobe

Ina Straubing

DIE LIEBE IST EIN TRAMPELTIER

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Elin

Dass Dmitri das Studio für die nächsten zwei Wochen geschlossen hatte, fiel mir erst ein, als ich zum dritten Mal ergebnislos an der großen Glastür rüttelte. In dem Moment fiel mir auch das Schild ins Auge. Das Din-A3-Schild, neunundzwanzig Komma sieben mal zweiundvierzig Zentimeter. Unübersehbar. Eigentlich.

Ich stand vor den verschlossenen Türen des Studio Aktiv, denn Dmitri, der beste und liebste Fitnesstrainer, den man sich nur wünschen kann, war mit seinem Freund für zwei Wochen nach Ibiza geflogen. Was ich sehr wohl wusste, er hatte es uns schließlich beim letzten Kurs gesagt – zweimal. Er hatte uns sogar im Spaß gedroht, wir sollten uns nicht einfallen lassen, in der freien Zeit zu Hause auf der Couch herumzuliegen und Süßigkeiten in uns reinzustopfen. Stattdessen sollten wir in Erwägung ziehen, ein paar Runden durch den Park zu joggen. Wir hatten gelacht und gemurrt. Als ob wir das tun würden! Schließlich bezahlten wir ja Dmitri dafür, dass er uns in Form brachte, oder?

All das fiel mir genau in dem Moment ein, als mein Blick auf das Pappschild mit der lachenden Sonne fiel, die sogar eine Sonnenbrille trug und ein breites, zufriedenes und irgendwie fittes Grinsen zur Schau stellte – wahrscheinlich war sie sehr wohl Joggen gewesen. Darunter stand in fettgedruckten Buchstaben: »Wir sind im Urlaub!«

Ja, ich erinnerte mich daran. Ich hatte es eben nur mal wieder verschusselt.

In dem Moment war ich allerdings nicht einmal sonderlich betrübt über die verschlossene Studiotür. Das muss ein Zeichen sein, dachte ich, und wo ich schon mal in der Nähe des Drottninggatan war, besorgte ich einen passablen Rotwein und eine Tüte Chips, die ich – genau! – auf der Couch zu mir nehmen würde. Auf dem Nachhauseweg schaute ich noch in der Videothek vorbei und nahm zwei DVDs mit. Eine für mich, »Love Actually«, einer der wenigen wirklich schönen Filme, die Tomas aus unerfindlichen Gründen ebenfalls mochte. Vermutlich, weil ich mich dabei immer in seine Arme kuschelte. Die andere hatte ich nach seinem Geschmack ausgesucht. Irgendetwas mit einem Zombie auf dem Cover. Solche Filme ertrug ich nur, wenn ich mich hinter Tomas’ Armen verstecken konnte und hin und wieder zwischen meinen Fingern hervorlinste. Aber vielleicht schaffen wir es ja auch gar nicht bis zur zweiten DVD, dachte ich und musste ein wenig schmunzeln. Vielleicht würde ich meine Kalorien heute ja mal nicht im Fitnessstudio, sondern mit Tomas abbauen. Auf der Couch zum Beispiel.

Und warum auch nicht, ich hatte schließlich die ganze Woche am Design einiger Plakate für ein Waschmittel namens Klar! geschuftet, und heute war immerhin Freitag. Ich hatte mir einen schönen Feierabend verdient, fand ich. Das hatten wir beide.

Ich denke, dass ich für meine siebenundzwanzig durchaus passabel aussehe, auch wenn mich sicher keiner mehr für eine Studentin hält und mich beim Rotweinkaufen niemand nach dem Ausweis fragt. Ich habe ein, zwei Kilo zugenommen seit diesen Tagen, leider an den Hüften, anstatt etwa fünfzig Zentimeter weiter oben, wo es mir lieber wäre. Ich bin sicher keine Hollywood-Schönheit, aber auch nicht gerade ein hässliches Entlein. Meist bin ich zufrieden mit mir und meinem Körper und Dmitri sorgt dafür, dass die Pölsterchen an den restlichen Tagen weitestgehend an den richtigen Stellen bleiben, auch ohne dass ich mich ausschließlich von Grapefruitsaft und Salat ernähren müsste. Und Tomas hat sich noch nie beschwert, kein einziges Mal. Wenn er in Stimmung dafür ist, kann er außerdem überaus charmant sein. Und falls nicht, ist er wenigstens ein liebenswerter, großer Junge mit seinen sanften, braunen Augen. Tomas und ich sind füreinander bestimmt. Na ja, zumindest dachte ich das bis zu diesem Abend.

Ich habe Tomas während eines Schulausflugs kennengelernt, das war in der Fünften. Damals habe ich mit meiner Klasse eine Woche lang die Gullmarsfjorde besucht, die fünfhundert Kilometer von hier entfernt liegen. Ein paar von uns freundeten sich währenddessen mit einigen Fünftklässlern aus einer anderen Schule an, die zufälligerweise auch aus Uppsala kamen, wenn auch vom Ekebyvägen – gleichsam von einem anderen Kontinent, wenn man elf ist. Sie blieben noch ein paar Tage länger als unsere Klasse. Am Tag unserer Abreise hat mir Tomas ganz schüchtern einen Zettel in die Hand gedrückt, auf den er ein Herz gemalt und seine Adresse geschrieben hatte. Wir schrieben uns für eine Weile und trafen uns hin und wieder heimlich. Meine Eltern wussten fast ein Jahr lang nichts davon.

Diese geheimen Treffen fanden meist im Slottskällans-Eiscafé im Park in der Nähe des Kunstmuseums statt, wo es übrigens das beste Eis in ganz Schweden gibt, und nicht in Söderköping, wie man den Touristen einreden will. Sie wurden langfristig per Briefpost geplant und ausgeheckt. Wir haben nie viel geredet, aber wir konnten uns stundenlang damit amüsieren, Händchen zu halten und uns verliebt in die Augen zu schauen. Und irgendwann hatte ich das lang genug getan, um mich tatsächlich ernsthaft in dieses große, offene Strahlen zu verknallen. An diesem Nachmittag küsste er mich das erste Mal auf den Mund. Es war so himmlisch, dass ich mir noch eine Woche lang versonnen und etwas ungläubig über die Lippen leckte, bis mir Mutter mit einem besorgten Blick etwas Lippenbalsam zusteckte.

An demselben Nachmittag fiel uns außerdem zum ersten Mal der Kaugummiautomat auf, der damals an einer Hauswand neben dem Eiscafé befestigt war. Heute hängt er nicht mehr dort, weil das Haus abgerissen wurde, ich habe nachgesehen. Tomas steckte fünf Kronen in den Automat und der spuckte eine dieser bunten Kugeln aus, die einen Kaugummi und ein kleines Herz aus rotem Plastik enthielt, das wie ein geschliffener Kristall aussehen sollte. Den Kaugummi haben wir geteilt und das Herz hat Tomas mir geschenkt. Ich habe es heute noch. Füreinander bestimmt, wie gesagt. Manchmal frage ich mich, ob der Automat vielleicht ausschließlich Plastikherzen enthielt. Das werde ich wohl nie herausfinden.

Seit diesem Tag waren wir jedenfalls offiziell zusammen, und bald darauf habe ich Tomas meinen Eltern vorgestellt. Mom war entzückt. Pappa gab sich alle Mühe, seine Skepsis zu verbergen. Er war wirklich nett zu Tomas. Das war er immer. So nett ein Vater nur sein kann, wenn ein Teenager mit einem Flaum über der Oberlippe versucht, ihm die Tochter wegzunehmen. Aber dann kam mir Lotta zu Hilfe, denn ein Jahr später heirateten sie und Lucas.

Letztes Jahr bin ich mit Tomas zusammengezogen, in diese Wohnung in der Kungsgatan. Es ist unsere zweite gemeinsame Wohnung, und die erste, die diese Bezeichnung auch verdient. Sie liegt zentrumsnah, nicht weit vom Dom. Geräumig genug für Kinder, habe ich gesagt, als wir uns die Wohnung im Beisein der Maklerin angesehen haben, halb im Scherz. Tomas hat mich daraufhin erschrocken angesehen. Und er hat ja recht, irgendwie. Ich sollte erst mal mein eigenes Leben auf die Reihe bekommen, bevor ich mir einen Haufen Knirpse aufhalse.

Während des Studiums habe ich im Wohnheim gewohnt und Tomas bei seinen Eltern, aber er hat mich fast jedes Wochenende besucht. Nach dem Studium zogen wir in eine kleine Bruchbude mit schimmeligen Fensterrahmen und einem winzigen Bad, in dem es ständig zu ziehen schien, obwohl es nicht mal ein Fenster hatte. Es war nicht viel, aber es gehörte uns. Wir hatten eine Menge Spaß in dieser Wohnung, auch wenn wir manchmal Eimer aufstellen mussten, weil das Schrägdach über dem Fenster in der Küche undicht war. Damals haben wir abends viel gemeinsam unternommen, sind zu Konzerten und Partys gegangen, und ich glaube, wir hatten damals mehr Freunde. Jedenfalls haben wir mehr Zeit mit ihnen verbracht und wir hatten noch andere Themen als Tomas’ Firma und Prozente bei Leasingverträgen. Manchmal frage ich mich, wo diese Zeit hin ist und wie es kommt, dass einem eine Stunde in jedem Jahr, das man älter wird, kürzer vorkommt. Sollte eine Stunde nicht einfach eine Stunde sein?

Nun stand ich also, bepackt wie ein, nun ja, Packesel vor der Tür zu unserer schicken Wohnung, jonglierte Einkaufstüte und Handtasche auf meinem Knie und verfluchte die Mode, welche mich dazu verdonnerte, so ein enges, knielanges Unding von Businesskleidchen zu tragen, wenn ich bei Dahlkvist Annonsbyrå arbeitete. Nebenbei suchte ich nach meinem Schlüssel. Ich stecke ihn nämlich immer in eine meiner Jackentaschen, niemals in die Handtasche. Nennen Sie es einen Schlüsseltick, aber hin und wieder neige ich dazu, meine Handtasche irgendwo liegen zu lassen, und ich ertrage den Gedanken nicht, dass ein Fremder den Schlüssel finden könnte und dann freien Zugang zu unserer Wohnung hätte. Da könnte ich nachts kein Auge zutun, wirklich. Das Problem ist bloß, dass ich mir nie merken kann, in welcher Tasche sich der vermaledeite Schlüssel jedesmal versteckt.

Schließlich erwischte ich ihn, er war in der Innentasche meines Blazers, wie immer er dahin gekommen sein mochte. Irgendwie schaffte ich es, die Tür aufzuschließen, ohne sämtliche Einkäufe im Hausflur zu verteilen. Falls es mir überhaupt auffiel, dass die Tür nicht richtig verschlossen war, muss ich es im Zuge der folgenden Ereignisse erfolgreich verdrängt haben. Jedenfalls wäre ich im Korridor fast der Länge nach hingeschlagen, weil sich meine Pumps in einem Regenmantel verhedderten, der auf dem Boden lag. Vermutlich hatte ich ihn in der morgendlichen Hektik vom Haken gerissen, ohne es zu bemerken. Ich wand meine Füße aus dem Mantel und weil ich ja immer noch mit Handtasche und Einkaufstüte hantierte, sah ich nicht nach unten.

Dann hätte ich nämlich festgestellt, dass es sich gar nicht um meinen Mantel handelte.

Als ich das Geräusch hörte, hätte ich die Einkaufstüte doch fast fallenlassen. Jemand machte sich an den Möbeln zu schaffen, ich hörte ganz deutlich das Quietschen von etwas Schwerem, das über das Parkett geschoben wird. Und dann fiel irgendetwas um.

Ich wusste noch nicht genau, woher die Geräusche stammten, aber nach Tomas klang das nicht! Der saß für gewöhnlich auf der Couch und starrte bei laufendem Fernseher auf seinen Laptop.

Wenn er zu Hause war.

Der Mantel im Flur.

Meine Hand krallte sich um die Einkaufstüte und ich konnte spüren, wie die Wärme aus meinem Körper wich, während ich wie in Trance den Flur entlangstolperte, auf die Geräusche zu. Inzwischen war ich mir sicher, dass sie aus dem Schlafzimmer kamen, wo wir unsere kleine Geldkassette mit Erspartem für den Urlaub aufbewahrten. Ich war viel zu perplex, um überhaupt an so etwas wie Flucht zu denken. Stattdessen lief ich auf die Gefahr zu, wie eine Motte auf eine brennende Kerze zufliegt!

Die Einkaufstüte hielt ich immer noch an mich gepresst, als befände sich der sagenhafte Goldschatz der Azteken darin. In meinem Kopf gab es nur einen einzigen Gedanken.

Einbrecher!

Hinter mir fiel die Wohnungstür ins Schloss.

Einbrecher!

Ich stellte meine Einkäufe vorsichtig im Flur ab und lauschte an der Tür zum Schlafzimmer. Ungefähr da kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass ich lieber die Beine in die Hand nehmen und aus der Wohnung flüchten sollte, gemeinsame Urlaubskasse hin oder her! Stattdessen tat ich das, wovor der freundliche, dicke Polizist im Fernsehen immer warnt: Ich blieb und lauschte an der Schlafzimmertür.

Aus der gespannten Stille dort drin – hatten die mich etwa bemerkt? – ertönte plötzlich ein schrilles Klingeln, und ich zuckte zusammen.

Während ich darauf wartete, dass mein Herz wieder zu schlagen begann, wurde mir klar, dass ich den Klingelton kannte – es war der von Tomas’ Handy.

Dann verstummte das Klingeln abrupt, begleitet von einem Grunzen.

Tomas, oh mein Gott, sie haben Tomas in ihrer Gewalt!

Tomas, der jetzt wahrscheinlich gefesselt auf einem Stuhl saß und von Ganoven in die Mangel genommen wurde, damit er ihnen verriet, wo sich unsere gemeinsamen Ersparnisse befanden. Die Polizei, schoss es mir durch den Kopf, ich muss die Polizei rufen! Aber bis die eintraf, konnte es schon zu spät sein. Ich musste selbst handeln, wenn ich meinen Liebsten retten wollte!

Kurz dachte ich an einen weiteren Rat des dicken Fernsehpolizisten: »Versuchen Sie nicht, den Helden zu spielen!« Ich wischte die Warnung beiseite. Hier ging es schließlich um Tomas.

Drinnen war es jetzt still und ich nutzte die Gelegenheit, um mich nach einer Waffe umzusehen. Hinter dem Kleiderschrank hatten wir einen kleinen Raum mit einem Vorhang abgetrennt und nutzten ihn als Besenkammer. Daraus griff ich mir jetzt einen Schrubber. Im Nachhinein betrachtet eine wirklich dämliche Waffe, wenn die da drinnen Messer oder gar Pistolen besaßen. Aber an so etwas dachte ich in dem Moment natürlich nicht.

Dann riss ich die Tür auf und stürmte mit hoch über meinen Kopf erhobenem Schrubberstiel ins Schlafzimmer. Ich glaube, ich stieß sogar eine Art Kriegsschrei aus, um mir selbst Mut einzuflößen. Furchterrengend, wirklich.

Tomas

Zunächst hatte ich Probleme, mich zu orientieren, obwohl es sich um mein eigenes Schlafzimmer handelte. Diese Orientierungslosigkeit lag zum einen daran, dass ich zwar Tomas, aber entgegen meiner Vermutung keinerlei Einbrecher in dem Raum vorfand. Und Tomas war auch nicht an einen Stuhl gefesselt, sondern er lag im Bett. Gefesselt war er allerdings durchaus.

Mein Schrei blieb mir im Hals stecken und endete in einem krächzenden Laut, der wohl am ehesten meiner Verblüffung zuzuschreiben war. Der Schrubberstiel schwebte weiter drohend über meinem Kopf, über unser aller Köpfe, wie dieses Schwert des Griechen Damokles.

Zuerst habe ich Tomas überhaupt nicht erkannt, denn als ich in bester Manier eines Überfallkommandos in das Zimmer stürmte, wandte mir mein Freund unhöflicherweise den Rücken zu, und ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass es sich um Tomas handelte, der sein Gesicht zwischen den ansehnlichen Brüsten einer gefärbten Blondine mit wallendem Haar vergraben hatte. Einer verdammt jung aussehenden Blondine von vielleicht zwanzig Jahren. Und die besaß offensichtlich weder Kleidung, soweit ich es erkennen konnte, noch den geringsten Anflug von Schamgefühl. Das verzückte Lächeln auf ihrem hübsch geröteten Gesicht fror nur für den Bruchteil einer Sekunde ein, und dann brachte es dieses Flittchen tatsächlich fertig, mich frech anzugrinsen und »Hi.« zu sagen, wenn es auch ein klein bisschen zaghaft klang, fast wie eine Frage. Aber eine neugierige Frage, eine von der Art: »Wow, wo hast du bloß diese tollen Schuhe her, Schätzchen?«

Tomas lutschte noch ein wenig weiter zwischen ihren – vermutlich silikonhaltigen – Ballons herum, bis auch er endlich merkte, dass etwas nicht stimmte. Und dass es diesmal kein klingelndes Handy war, das ihn beim Vögeln störte und sich mit einem Knopfdruck würde ausschalten lassen. Er drehte langsam den Kopf und für einen Moment dachte ich tatsächlich, seine Augen würden so weit aus den Höhlen quellen, dass sie sich selbständig machen und über die Bettdecke rollen konnten. Dann hätten wir sie gemeinsam wieder einfangen können, welch ein Spaß! Gleichsam bildete sein Mund ein größer werdendes »O« und ich muss sagen, dass er in diesem Moment ausgesprochen dämlich aussah. Vermutlich ungefähr so dämlich wie ich mit meinem Schrubber. Noch dämlicher war allerdings, dass er in entschuldigendem Ton irgendetwas von »Fitnessstudio« und »später nach Haus« zu brabbeln begann. Als wäre es meine Schuld, dass ich ihn gerade dabei überrascht hatte, wie er es in unserem Bett mit einem blonden Plastikpüppchen trieb. In unserem gemeinsamen Bett.

Aber an all das erinnerte ich mich erst sehr viel später.

In dem Moment stand ich einfach nur da und glotzte die zu Salzsäulen erstarrten Menschen in der Mitte des Zimmers aus ungläubigen Augen an. Wahrscheinlich sah ich Tomas dabei ziemlich ähnlich. Blondie dagegen hatte sich sofort ausgezeichnet im Griff. Vermutlich hatte sie solche Situationen schon öfter erlebt.

Was mir allerdings den Rest gab, war, dass sie Norbert in ihren gierigen, selbstverständlich pink lackierten Krallen hielt und ihn kraulte. Meinen kleinen Norbert, das einzige Kuscheltier, das ich aus meiner Kindheit in die grausame Welt des Erwachsenseins herübergerettet hatte. Diese Schlampe hielt mein kleines Plüschschaf in ihren Fingern, und ich glaube, auf gewisse Weise schmerzte mich das mehr, als dass die beiden es gerade in unserem Schlafzimmer getrieben hatten wie brünstige Gorillas. Dass Tomas sie mit meinem Norbert hatte spielen lassen, während sie …

Ich glaube, für einen Moment hatte ich Mühe, den Impuls zu unterdrücken, mir die dicken, säurefesten Gummihandschuhe aus der Besenkammer überzuziehen, mir mein kleines, besudeltes Plüschschaf zu schnappen, es mit der Axt im Keller zu zerhacken und es anschließend in einen Hochofen zu stopfen, so einen, in dem man Wagenräder für Eisenbahnen gießt. Es kann sein, dass ich dabei nicht nur an das Plüschschaf dachte.

In Wirklichkeit war ich allerdings schlicht und ergreifend zu baff, um irgendetwas anderes zu tun, als die drei im Bett mit offenem Mund anzustarren, bis mir auffiel, dass ich immer noch mit über den Kopf erhobenem Schrubberstiel dastand wie die böse Hexe aus dem Märchen. Aber diese Erkenntnis erreichte mich nur unendlich langsam. Wie fette, träge Schnecken krochen die Gedanken durch den zähen Brei, der sich mein Gehirn schimpfte. Ich kämpfte damit, das in meinen Verstand zu bekommen, was meine Augen mir zu übermitteln versuchten, und war dabei nicht besonders erfolgreich.

Schließlich ließ ich den Schrubber sinken und stellte meine furchteinflößende Waffe neben mir an die Wand. Dabei begegnete ich Tomas’ Blick. Offenbar wollte er wieder dazu ansetzen, etwas zu stammeln, vielleicht sogar eine Entschuldigung. Als er mir aber in die Augen schaute, klappte er den Mund schnell wieder zu. Was ihm in diesem Moment vermutlich das Leben rettete. Es ist nicht besonders weit vom zweiten Stock in den Keller, wissen Sie?

Ich konnte nach wie vor nicht vernünftig denken, daher machte ich die nächsten Sachen ganz instinktiv.

Ich habe keine Ahnung, wie viel Zeit verging, während ich in meinem Arbeitszimmer Utensilien in meine große Reisetasche stopfte. Meinen Laptop, Ladekabel und einige Dokumente, die auf dem Schreibtisch herumlagen. Ich ging in den Flur und zerrte einige Klamotten aus dem Kleiderschrank: Jeans, T-Shirts, Pullis, Unterwäsche. Dicke Wollsocken, warum auch immer. Kann man vom Fehlen jeglicher Emotionen in einen Taumel geraten? Falls ja, dann war ich gerade mitten darin, ich hatte sozusagen eine außerkörperliche Erfahrung.

Ich habe mal von einem Jungen gehört, der während eines epileptischen Anfalls eine außerkörperliche Erfahrung gemacht hat. Er hat seinen eigenen Körper im Bett liegen sehen, während er sich selbst darüber beugte, und sich derart über diesen Anblick erschreckt, dass er aus dem Fenster gefallen ist. Kein Witz, und bei ihm war es der dritte Stock, nicht der zweite. Der Junge hat es überlebt, und wahrscheinlich würde auch ich es überleben, aber in dem Moment war ich mir da überhaupt nicht sicher.

Als ich damit fertig war, Sachen in meine Tasche zu stopfen – erstaunlicherweise funktionierte dieser Teil meines Gehirns ganz ausgezeichnet, ich dachte sogar daran, meine Zahnbürste und eine Packung Monatsbinden aus dem Badezimmer zu holen –, ging ich doch noch einmal ins Schlafzimmer. Zum einen brauchte ich einen Schlafanzug, denn ohne konnte ich noch nie einschlafen. Außer wenn ich mir eins von Tomas’ T-Shirts überzog, aber darauf war mir die Lust vergangen. Zum anderen war da ja immer noch Norbert, und nachdem ich von meiner anfänglichen Idee mit den Säurehandschuhen und dem Hochofen abgekommen war, wollte ich ihn keinesfalls kampflos diesem blonden Flittchen überlassen. Aber ich würde Norbert waschen, mindestens drei Mal, bis er nach nichts als dem Frühlingsduft des Weichspülers duftete. Das Schaf konnte schließlich nichts dafür, es war ja praktisch von Blondie vergewaltigt worden. Ekelhaft.

Der Anblick der beiden hatte beinahe etwas Komisches. Sie saßen nach wie vor stocksteif wie Wachsfiguren im Bett und sagten kein Wort. Wenigstens lächelte die kleine Silikonbaroness nicht mehr, was mir ein dumpfes Gefühl von Genugtuung verschaffte. Nicht, dass es mich für irgendetwas entschädigt hätte. Ich schnappte mir Norbert mit spitzen Fingern aus ihren pink glänzenden Krallen und stopfte das Schaf zu meinen Klamotten in die Tasche, dann drehte ich mich um und verließ die Wohnung, wobei ich mir nicht die Mühe machte, die Tür zu schließen. Wozu auch, es gingen doch ohnehin Hinz und Kunz in unserer Wohnung ein und aus, nicht wahr?

Auch als ich in meinem kleinen, silbernen Ford saß, weinte ich noch nicht. Das hieß wohl, dass mein Gehirn die Informationen, die meine Augen ihm geschickt hatten, noch immer nicht als Wahrheit akzeptierte. Ich steuerte den Wagen aus der Parklücke und fuhr los. Irgendwann bemerkte ich, dass ich auf dem Weg zu Misha war, aber da stand ich schon fast vor ihrem kleinen Haus in Rickomberga. Das Wetter war miserabel, und so gab es nur wenig Verkehr auf dem Weg zum Stadtrand, wofür ich vermutlich sehr dankbar sein kann. Ich habe keine Ahnung, wie viele rote Ampeln ich überfuhr, aber es müssen eine ganze Menge gewesen sein. Ich habe keinerlei Erinnerung an diese Autofahrt. Sie ist wie ausgelöscht.

Die Tränen kamen erst, als ich in Mishas leicht erstauntes Gesicht blickte, nachdem sie die Tür geöffnet hatte. Da habe ich dann aber losgeheult wie ein Schlosshund.

Misha

Im Nachhinein bin ich mir sicher, Mishas hübschen Strickpulli mit einer wahren Sturzflut von Rotz und Wasser, wie man so sagt, eingeweicht zu haben. Ich weiß, dass ich mein Gesicht minutenlang in den Wollstoff an ihrer Schulter drückte, während sie mir beruhigend den Kopf streichelte, bis ich zu schluchzen aufhörte. Und ich habe das seltsame Gefühl, dass sie damals schon über alles Bescheid gewusst hat. Dass sie vielleicht ahnte, dass es so kommen würde.

Zumindest hat sie nicht übermäßig überrascht ausgesehen, als ich ihr schließlich unter neuerlichen Anfällen von Schluchzern erzählte, was passiert war. Eigentlich waren es wohl eher Heulkrämpfe, während derer ich eine komplette Kleenex-Box aufbrauchte und am Ende aussah, als litte ich unter einem besonders schweren Fall von Heuschnupfen. Es grenzt fast an ein Wunder, dass Misha die wesentlichen Teile der Geschichte vor lauter Schluchzen überhaupt verstanden hat.

Misha hat Tomas übrigens nie leiden können. Seit ich ihn ihr vorgestellt habe, hat sie ihn heimlich oft als »Weichei« bezeichnet, was vermutlich ausdrücken sollte, dass sie fand, ich habe etwas Besseres verdient. Glauben wir das nicht alle irgendwann mal? Aber da Misha nun mal Misha ist, habe ich mir nie weiter Gedanken darüber gemacht. Es ist ja nicht so, dass sie mit ihrem Traumprinzen in einem kleinen Jagdschloss in den Bergen wohnt. Misha ist eher der Typ, der vielen Fast-Traumprinzen der einen, großen Liebe den Vorzug gibt. Vielleicht ist das sogar clever.

Ihre Abneigung Tomas gegenüber beruhte übrigens auf herzlicher, und manchmal offen ausgelebter Gegenseitigkeit. Wenn die beiden sich auf Partys begegneten und Misha ein paar Proseccos innehatte, pflegte sie ihn stets in besonders hochgeistige Diskussionen zu verwickeln, zumindest hielt Misha Themen wie »Die Emanzipation der Frau und ihre Rolle in Autowerbespots im Wandel der Jahrhunderte« und Ähnliches dann für unheimlich unterhaltsam. Tomas rollte in solchen Fällen normalerweise mit den Augen und verdrückte sich kopfschüttelnd zu seinen Kumpels in die Küche. Das wiederum war für Misha ein sicheres Zeichen des Triumphs, sie warf den Kopf in den Nacken, rief »Ha!« und schenkte sich Prosecco nach. Na ja, so hatten sie wohl beide ihren Spaß. Er pflegte Misha übrigens immer als die »Emanze« zu bezeichnen. Dass er mit ihr wirklich nichts anfangen konnte, schließe ich vor allem daraus, dass sie, im Gegensatz zu den meisten anderen meiner Freundinnen, auch bei unseren kleinen Fantasiespielchen im Bett nie eine Rolle spielte. Unnötig zu erwähnen, dass ich selbst es nicht erregend fand, mir vorstellen zu müssen, meinen Freund mit einer anderen Frau zu teilen, noch dazu mit einer, mit der ich seit Jahren denselben Fitnesskurs besuchte.

Leider blieb es nicht bei seinen Fantasien, wie er mir an diesem Abend eindrucksvoll bewiesen hatte.

Ich glaube, auf eine gewisse Weise war Misha sogar froh, ihre Theorien über Tomas bestätigt zu finden. Das Weichei hatte endlich gezeigt, was in ihm steckte. Gar nichts nämlich. Sie gab sich aber alle Mühe, nicht allzu altklug zu wirken, während sie mich tröstete. Und dafür war ich ihr unglaublich dankbar.

ENDE DER LESEPROBE


 

trampeltier_3D - Klein_AMA KopieCharmant, spritzig und wunderbar chaotisch: Das ist Elin Mattson.

Uppsala, Schweden: Elin Mattsons heile Welt stürzt ein, als sie eines Abends unverhofft nach Hause kommt und ihren Freund zwischen den viel zu großen und viel zu jungen Brüsten einer anderen erwischt – und auch noch im gemeinsamen Bett!
Völlig unter Schock flüchtet Elin zu ihrer besten Freundin Misha. Als ihr bewusst wird, dass auch diese Lösung nicht von Dauer sein kann, meldet sich aus heiterem Himmel Tomas. Der bereut inzwischen seinen „Ausrutscher“ und macht Elin einen unglaublichen Vorschlag: Sie soll herausfinden, ob sie Tomas noch liebt – wenn es sein muss, auch in den Armen anderer Männer. Und sie hat genau drei Wochen Zeit.

Begleite Elin auf eine chaotische Entdeckungsreise voller Gefühle, auf der sie sich mit Onlineflirts, Nobelrestaurants und den besten Absichten ihrer Freundinnen herumschlagen muss – Herzklopfen inklusive!

Roman, 304 Taschenbuch-Seiten
(erschienen auf Amazon Publishing)

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Die Liebe ist ein Trampeltier
Ina Straubing
Deutsche Erstveröffentlichung
© 2014 Ina Straubing

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Alle in diesem Werk beschriebenen Personen sind fiktiv. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Lektorat: Kerstin Brömer Text & Lektorat, www.kerstin-broemer.de
Coveridee: Ideekarree Leipzig, www.ideekarree.de